Mittwoch, 13 Juli, 2016

Vom Achterbahnfahren im Leben...

Hallo, da bin ich mal wieder. Dienstag morgen. Meine Gedanken fließen dank der über die Tastatur hüpfenden Finger in den Blog. Die Sonne scheint auf meine Hand. Unsere Hündin Minu entspannt auf dem Holzboden neben mir. Heute ist es draußen auf den Straßen und in den Geschäften ruhiger als noch letzte Woche. Grund: Wir haben die erste Ferienwoche in Köln. Himmlisch, diese Veränderung.

Meine Konzentration hält weiter an. Zwar machte meine Energie etwa eine Woche nach der Eiseninfusion (ich berichtete hier) wieder einen Bogen nach unten, doch inzwischen habe ich die Einnahme von Eisentabletten wieder aufgenommen und langsam kommt die Energie zurück.

Diese Achterbahnfahrt ist herausfordernd. Mal geht es mir super: Ich habe Energie, bin konzentriert, bin gut drauf. Ich habe wie früher (!Yeah!) den Antrieb und die Kraft, was ich mir vorgenommen habe, auch umzusetzen.

Und dann gibt es Tage ... da nehme ich mir abends etwas für den nächsten Tag vor ... und dann geht nix am nächsten Tag. Ich schaffe den Standard, aber nicht, was ich mir vorgenommen habe.

Manchmal habe ich dann so miese Laune, dass ich mich beobachte wie ich mit mir schimpfe, mit meinem Körper und mit der Welt um mich herum. Natürlich nur innerlich, aber das reicht ja schon. Ich bekomme es ja ab.

Genau das wurde mir vor etwa vor einem Jahr klar, als ich auf jemanden sauer war und das Gespräch mit ihm innerlich immer wieder durchging: Wie ich mich beschwere. Wütend schreie. Dann wieder alles umwerfe und in "bessere" Worte bringe. Unentwegt im Kreis. ... bis mir auffiel, dass gar nicht der Mensch, der meine Wut ausgelöst hat, diese Worte abbekommt, sondern immer wieder mein Inneres. Ich bekam die ganze Wut ab, mein Körper und meine Seele standen unter Stress. Das half mir, diesen Prozess zu unterbrechen. Ich fühlte mit mir und erkannte, was ich da mit mir machte.

Nicht immer, aber manchmal gelingt es mir deswegen, diesen Schimpfprozess zu unterbrechen. Und statt dessen - zum Glück immer öfter - liebevoll mit mir zu sein. Mir geht es ja nicht mit Absicht schlecht. Ich will, aber kann nicht. Also, warum sollte ich mit mir schimpfen?

Letzte Woche habe ich beides erlebt: Freitag wollte ich eigentlich nachmittags spontan etwas mit einer meiner besten Freundinnen unternehmen. Den Tag vorher ging es mir super. So gut, dass ich - auch weil es mir reichte, das Halbfinale Deutschland-Frankreich nur im Hintergrund mitzubekommen - bis abends spät am PC saß und ein Interview abtippte, welches ich mit meiner Oma geführt hatte.

In der Nacht schon merkte ich, dass es nicht so gut war, so lange am PC gesessen zu haben. Ich schlief schlecht, wachte immer wieder auf, war morgens wie gerädert. Als ich aufstand, war mir so schwindelig, dass ich mir eine Autofahrt zum Treffpunkt nicht zutraute. Ich versuchte erst noch, "mich in den Griff zu bekommen", doch dann gab ich auf. Ich konnte weder am PC sitzen, noch Auto fahren, noch irgend etwas anderes, produktives tun. Den Termin mit meiner Freundin sagte ich schweren Herzens ab.

Was war nur mit mir los? Warum ging es mir nicht einfach dauernd gut wie früher? Als ich ein paar Tage zuvor enttäuscht war, wie schnell die Wirkung der Infusion nachgelassen hatte, meinte mein Mann, dass ich vielleicht in der Woche die ganze Battarie aufgebraucht hatte. Irgendwie war da was dran. Ich hatte sehr sehr viel gearbeitet. Ich neige dazu, mich zu überfordern, wenn es endlich mal läuft. Weil ich so glücklich bin, dass es läuft. Seufz.

War es Donnerstag nicht auch so gewesen? Mittwoch noch hatte ich so schlechte Laune und war so voller Destruktivität (scheinbar aus heiterem Himmel). Als ich Donnerstag merkte, alles wieder gut - stürzte ich mich voller Freude in die Arbeit. Ohne zu merken, dass ich meinen Körper überforderte. Meine Augen. Meinen Rücken. Meinen Kopf. Meine Seele. Ich hatte es übertrieben. Wieder mal. Das wurde mir klar.

Also beschloss ich, es zu akzeptieren wie es war und mich um mich liebevoll zu kümmern. Freitag den PC schon am Vormittag aus zu machen. Ich ging in den Blumenladen und kaufte mir einen Strauß Blumen und im Zeitschriftenladen eine Klatschzeitung. Ich wollte einfach nur rumlümmeln, nicht groß rumdenken. Zusammen mit einer Tasse Tee machte ich es mir in der Hängematte gemütlich. Und ich spürte, wie es mir schon ein bisschen besser ging. Freitag Nachmittag legte ich mich auf die Couch und schlief mehrere Stunden.

Am nächsten Tag war alles wieder gut, ich konnte wieder weiter arbeiten, als wäre nichts gewesen. Eigentlich wäre es an dem Tag gut gewesen, eine Runde zwischendurch spazieren zu gehen. Doch bei der Hitze bekommt mir das tagsüber nicht, sondern macht dicke Füße und sehr schlechte Laune. Also wählte ich die leichte Variante: Hängematte im Schatten. Entspannte Körper, Kopf und Seele. Es tat gut. Einfach nur schaukeln und in den Himmel gucken.

Gestern, Montag, hatte ich dann dazu gelernt: Mittags signalisierte mein Körper Müdigkeit und ich legte mich hin. Eine Viertel Stunde, länger hatte ich keine Ruhe. Doch diese Viertel Stunde hat meinem Körper geholfen. Anschließend ging es erfrischt weiter. Ok, Anja: Merken!!

So wie jetzt, Dienstag morgen: Ich merke, meine Augen werden nicht müde, aber wollen etwas anderes sehen als den Bildschirm. Deswegen mache ich Schluss mit Schreiben. Ich werde den Beitrag heute Nachmittag Mittwoch illustrieren und online stellen. Jetzt werde ich mich eine viertel Stunde einfach auf die Couch legen und in den Himmel gucken und mich dann fertig machen für meinen Coachingtermin. Wenn ich zu Hause bin, werde ich ich spüren, wann ich den Blogbeitrag fertig machen kann.

Nachtrag: Mittwoch Nachmittag. So war es auch. Die kurze Auszeit hat mir gut getan. Ich hatte wieder Kraft.

Das ist ein anderer Aspekt meines Kalenderblattes für Juli, welchen ich in den Monatlichen Impulsen - das ist mein Mailabo für ein Jahr - nicht aufführte: Nämlich, dass auch die körperliche Pause frische Energie für die Arbeit bringt. So war es vor über 15 Jahren gewesen, als ich meine beiden Bücher schrieb: Ich hatte die Kraft dazu nur, weil ich regelmäßig eine viertelstunde Pause machte. Wäre schön, wenn ich das wieder einführen würde.

Tischkalender

Lieber Gott, bitte lass mich begreifen, dass mein Körper kein Computer ist, keine Maschine, die "zu laufen hat", jeden Tag mit gleicher Leistung. Mein Körper ist ein sensibles Meisterwerk, ein lebendiges Wesen, das Aufmerksamkeit und Schutz braucht, Ruhe und Zeit. Mein Körper schwankt in seiner Leistung. Ein Birnbaum trägt auch nicht das ganze Jahr Früchte. Warum erwarte ich von mir, dass ich jeden Tag 100% Leistung bringe? Bitte lass mich nicht hadern, wenn es mir mal wieder schlechter geht, lass mich nicht befürchten, jetzt wird alles wieder schlimmer. Lass mich glauben und hoffen, dass es wieder besser wird. Mit etwas Abstand. Mit einer kleinen oder größeren Pause. Mit einem Spaziergang. Mit einem Tag Pause. Lass mich einen gesunden Rhythmus finden, der meiner Seele, meinem Geist und meinem Körper gut tut.

Bitte hilf mir, die Achterbahnfahrt des Lebens immer besser zu begreifen und mich nicht gegen sie zu wehren, sondern die guten Fahrtabschnitte zu genießen und die, vor denen ich Angst habe, lernen als Teil des Spiels zu sehen, die auch wieder vorüber gehen. Danke für alles, was gut ist und danke für die Dinge, die ich jetzt schon annehmen kann, auch wenn sie nicht so easy sind, wie ich es gerne hätte. Denn auch die schwierigen oder nicht so fitten Wegesabschnitte meines Lebens sind mein Leben. Hilf mir, mir zu verzeihen, wenn ich mit dem auf und ab (eher dem ab) nicht so gut umgehen kann ...

Alles Liebe für Sie und für mich

Ihre Anja Kolberg

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Dienstag, 21 Juni, 2016

Alles Wechseljahresbeschwerden? Es geht mir endlich besser. *Hüpf*

Immer wieder berichtete ich in den letzten zwei Jahren von Konzentrationsschwierigkeiten, die mir das Arbeiten am PC schwer machten. Im Frühjahr hatten sie sich wieder an mich rangeschlichen, nachdem sie einige Monate ganz weg waren. Im März und April war es wieder so heftig, dass ich keine unbekannten, komplexen Sachverhalte verarbeiten konnte, zum Beispiel einen Text durcharbeiten oder irgend etwas Neues machen, bei dem ich mich stark konzentrieren musste. Routinierte Tätigkeiten konnte ich ganz gut bewältigen, aber alles neue war zuviel für mich. Ein Gefühl wie Watte im Kopf. Wenn ich mir Konzentration als klare Linie vorstelle, dann war das, was ich da oft spürte Krickelkrackel ... Dazu kam Vergesslichkeit wie das Brot in der Bäckerei kaufen, aber liegen lassen und zu Hause feststellen, dass etwas fehlt ...

Weder Hausarzt noch Endokrinologe hatten eine Erklärung. Das frustrierte mich sehr. Was sollte ich denn jetzt tun? Die Beschwerden waren ja doch da! Ich fühlte mich so alleine gelassen. Auch eine Zahnuntersuchung ergab keine Hinweise auf meine Beschwerden.

Mich auf die Leistungsfähigkeit meines Körpers endlich wieder verlassen können, das wünschte ich mir so sehr. Alles Wechseljahresbeschwerden? Meiner Frauenärztin klagte ich mittlerweile ziemlich verzweifelt mein Leid und zeigte ihr den letzten Blutbefund meiner anderen Ärzte. Daraufhin meinte sie, ich hätte einen Eisenmangel, auch wenn meine Ferritinwerte eigentlich im (allerdings unteren) Normbereich liegen. Sie hatte gerade eine Fortbildung zu dem Thema besucht, daher hatte sie den Blick dafür.

Ich habe in den letzten Jahren immer mal wieder Eisentabletten genommen, weil die Werte durch meine starke Periode eher im Keller waren. So hatte ich auch im Herbst auf Empfehlung des Endorkinologen u.a. Eisentabletten genommen und im Januar war die Packung zu Ende. Ich brauchte laut Arzt nach einem Check keine weiteren Tabletten nehmen, da alle Werte nach der Einnahme nun wieder im Normbereich waren und ich mich zu dem Zeitpunkt wieder konzentrieren konnte ...

Ich folgte dem Rat meiner Ärztin und versuchte es mit den Eisentabletten und was soll ich sagen? Die Konzentrationsprobleme schlichen sich nach einer Woche Anfang Mai davon. Ich konnte es erst gar nicht glauben, weil ich schon so oft Rückschläge erlebte und deswegen Angst hatte, das Glück bleibt nicht. Doch es ist heute noch so. Unfassbar und beglückend, das erleben zu dürfen. Meine Energie kam zurück, ich konnte wieder länger und vor allem dann, wenn ich wollte am PC konzentriert arbeiten.

Anfang Juni wurde ich auch von einer Neurologin durchgecheckt. Der Termin war schon im April für Juni vereinbart worden und ich hatte ihn trotz inzwischen wieder erlangter Konzentration stehen lassen, weil ich - aufgrund so vieler Rückschläge - Angst hatte, die Symptome kommen zurück und dann muss ich wieder so lange auf einen Termin warten, weil die Ursache dann ja woanders liegen musste. Und ich wollte eine Absicherung, dass wirklich alles ok ist. Die Neurologin fand zum Glück nichts körperliches und führte meine Beschwerden auf die Wechseljahre zurück ...

Bei der Frauenärztin war ich Freitag zur Kontrolle. Die Eisenwerte waren in der Zwischenzeit von 33 auf 47 gestiegen, doch immer noch recht niedrig. Ich zog die Option einer Eiseninfusion, bei das Eisen gleich dem Körper zur Verfügung steht (so habe ich es verstanden), als wenn es erst durch den Verdauungstrakt muss, wodurch einiges verloren geht. Nachdem ich am Freitag eine Eiseninfusion bekommen habe, war ich erst mal ziemlich müde. Hm. Doch am Sonntag ging es mir schon besser und gestern am Montag, habe ich so lange und konzentriert gearbeitet wie schon ewig nicht mehr, gefühlt seit Februar, da hatte ich auch so einen fitten Tag. (Vielleicht lag es daran, dass es zu Ende meiner Eisentherapie war und der Spiegel deswegen hoch?) Gestern habe ich endlich an einem wichtigen Herzensprojekt weiter gemacht. Das lag hier schon lange im Pausenmodus, weil ich dafür einfach keine Kraft und Antrieb hatte. Jetzt ging es so leicht. Unfassbar.

Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass wir mit dem Eisenmangel die Ursache damit gefunden haben. Schon so oft dachte ich: Das ist es jetzt! Und dann kamen die Beschwerden zurück. Ob das alles gerade nur Zufall ist, ich weiß es nicht. Auf jeden Fall bin ich glücklich, dass ich jetzt gerade wieder fit im Kopf bin. Und Montag zusätzlich einen überdurchschnittlich guten Tag hatte. JUCHU! Meine Leistungsfähigkeit ist da. Ich will nicht von mir erwarten, jeden Tag so Höchstleistungen wie Montag erbringen zu können. Das, was ich vorher hatte, war schon richtig befriedigend.

Es gibt noch andere Wechseljahresbeschwerden, die noch verschwinden dürfen - zum Beispiel, dass ich auf vieles keine Lust habe oder eine scheinbar grundlose Weinerlichkeit am Morgen. An dem Thema arbeite ich weiter mit meiner Gynäkologin mit Hilfe der naturidentischen Progesterontherapie. Bei den Stimmungsschwankungen hat dies ganz gut geholfen. Mal sehen, ob dieses Thema auch noch gehen darf. Das wäre soooooo schön!

Was ich alles in den letzten zwei Jahren unternommen habe und rausgefunden habe, um wieder fitter zu sein: Vitamin-D3-Mangel, Progesteronmangel, jetzt Eisenmangel ... Ich nehme hochdosiertes VitaminD3, Magnesiumöl über die Haut, Selen, Progesteron, Eisen - ähm - ernähre mich gesund, gut ich könnte mich noch mehr bewegen ... und ach ja, die Schilddrüsentableten wegen meines Hashimotos nehme ich auch noch ein. Puh!

Mir wird durch meine Beschwerden klar, dass die Wechseljahre ein komplexer Umbauprozess für den Körper bedeuten, die Symptome schwanken, weil alles ein beständiges verändern ist. Ein sehr feines und sensibles System mit vielen vielen Rädchen, in dem gerade etwas Chaos ist. Und nicht nur der Körper ist eingebunden, auch Seele und Geist spielen eine Rolle bzw. sind betroffen.

Mich selbst mit diesen Veränderungen anzunehmen, das ist eine Herausforderung. Ich sehe darin auch eine Chance, nämlich altes loszulassen und Dinge zu verändern, die mir jetzt nicht mehr gut tun. Neues zu beginnen.

Ich bin auf dem Weg. Noch nicht angekommen, aber eine Hürde scheint jetzt gerade genommen zu sein. Das freut mich sehr!

Glücksgrüße aus Köln

Anja Kolberg

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Dienstag, 07 Juni, 2016

Mein kleines Himmelreich

Hallo da draußen in der Welt,

am Wochenende zwischen all den Regengüssen schnappte ich mir meine Kamera und fing einige Eindrücke meines Gartens ein. Mein kleines Himmelreich, das mich so glücklich macht. Ich kann dort stundenlang sitzen und einfach schauen. Pflanzen, Blattgrün, das Geräusch von Regen, die glänzenden Tropfen auf den Blättern, der Duft von Rosenblüten, die Vögelchen beim Baden beobachten, all das macht mich still und froh. Danke Himmel, dass ich das haben darf und mich daran erfreuen.

Hier einige der Bilder:

Die weiß umrandeten Blätter der Funkie. Früher fand ich Blattstauden doof. Heute finde ich sie wunderschön. Sie gestalten den Garten. Drei Stauden stehen davon in unserem Garten. Die ganz oben an der Terrasse ist bestimmt einen Meter im Durchmesser. Bisher hat noch keine Schnecke an den Blättern genagt. Eine Blüte wirds auch geben, auf hohen Stängeln helllilafarben.

Die erste Seerosenblüte lukt aus dem Wasser. Sie duften sogar. Nein ich habe mich dafür nicht ins Wasser begeben, um das raus zu finden. Irgendwann habe ich mir mal eine Blüte rausgefischt und in ein Glas auf den Tisch gestellt. Sooo schön!

Ebenfalls am Teich blüht gerade die Iris. Mehrere Stauden verteilen sich und sehen so schön aus. Ihr Duft ist ganz leicht und sehr sehr herb. Ich hatte von Iris mal ein ätherisches Öl und der Duft stimmte mit dem, den ich jetzt erschnupperte, überein. Das Regenwasser hat sich in der Blütenkrone gesammelt und zeigt die Dreiteilung.

Eine Gierschblüte lukt durch den Zaun. Ich dachte ja, ich hätte allen Giersch ausgemacht. Doch diese Pflanze ist wirklich voller Überlebenswillen. Welch eine Stärke. Ich habe noch immer nicht geschafft, von den frischen Blättern mal einen Smoothie zu machen oder sie in den Salat zu packen. Gesund soll das Unkräuterlein ja sein. Ich kämpfe nicht mehr gegen sie an. Wir versuchen, miteinander zu leben ... mal mehr sie - mal mehr ich.

Die Pfeifenwinde ist auch so ein besonderes Grün. Wunderschön sieht es aus, wenn sie sich emporschlängelt. Obwohl ich sie eigentlich nicht will, stört sie das nicht sonderlich, sie bleibt in meinem Garten. Zeit, das zu akzeptieren und von der Eigenart dieser Pflanze so einiges zu lernen ... Widerstandskraft, Überlebenswillen, Schönheit, Haftung, Grenzen überwinden können, hoch hinaus wachsen ...

Eine Weinbergschnecke kriecht davon. Kurz vorher hatte ich sie hinten im Beet abgesetzt. Ich hatte sie an unserer Haustüre entdeckt. Dort brennt vormittags die Sonne, kein guter Ort, gerade an den Scheiben, wo sie sich verkrochen hatte. Irgendwie war sie wohl falsch abgebogen. Hat sie nicht ein tolles Häuschen?

Vor einigen Wochen las ich das Buch "Das Geräusch einer Schnecke beim Essen", geschrieben von einer Journalistin, die durch eine Krankheit urplötzlich sehr lange ans Bett gefesselt war und sich kaum bewegen konnte. Im Pflegeheim liegend bekam sie Besuch von einer Freundin, welche ihr eine Schnecke in einem Blumentopf mitbrachte. Fortan beobachtete die Beschenkte die Schnecke. Ein schönes Buch, das mir gut getan hat, mit meiner Langsamkeit klar zu kommen. Für mich hätten weniger Beschreibungen über die Schneckenart im Buch sein können, ich habe sie großzügig überflogen. Doch was bleibt, ist ein Buch, das gut tut, wenns mal nicht so voran geht im Leben wie man sich das wünscht ...

 

Hier kriecht eine Schnecke davon, die ich nicht so mag. Nacktschnecken. Weil sie meine Funkien anknabbern oder die Margaritten abnagen und beschleimen. Manche Jahre nutze ich Schneckenkorn. Dann wieder nicht, weil ich an die mit den schönen Häuschen denke ... Schwierige Sache.

 

Ein lila Band, mit dem ich die Kletterrose Jasmina und die Clematis festbinde.

Diese Rose sieht sooo schön aus, wenn sie eine Knospe ist und am ersten Tag, wenn sie erblüht. Dann geht es fix, sie verblüht ruckzuck und lässt die Blätter fallen.

So gar nicht regenfest. Regenfest ist dagegen Leonardo da Vinci (nicht abgebildet, aber sicherlich in meiner Gartenrubrik schon oft gezeigt). Ihre pink-rosa Blüten halten wochenlang und werden immer heller. Jede Art hat so ihre starke Seite.

Die Triebe der Clematis finden auch an diesem Eisenstab halt, auf dem ein Vogel stizt und bei Wind, Regen, Schnee und Sonne herrlich vor sich hinrostet.

Süß, oder?

 

Ein bisschen Grünes zum Essen bzw. Kochen habe ich auch im Garten. Hier Schnittlauch mit seinen sehr scharfen Blüten, bevor ich ihn abgeschnitten habe, damit er nach der Blüte - die Stiehle sind holzig - frisch kommen kann.

 

Glitzernde Regentropfen perlen auf dem Frauenmantel ab.

 

Es wird dieses Jahr sogar wieder Äpfel geben. Da unzählige Säulenäpfel den schmalen hohen Stamm letztes Jahr krum gebogen haben, schnitt ich den Baum stark zurück. Unklar, ob es im Frühling Blüten geben würde. Doch, gab es und hier einer der wenigen Fruchtansätze.

 

Hier eine weitere Funkie mit blaugrün gefärbten Blättern.

 

Die Fruchtstände vom lilafarbenen Zierlauch lasse ich so lange es geht stehen. Sehen sie nicht toll aus? Im Hintergrund ein altes Gartengerät. Eine Mischung aus Schäufelchen und Harke.

 

Eine große Metallsonne zeigt auch spannende Rostbewegungen.

 

Die Hochstammrose stand einst vor dem Haus. Dort war es eindeutig zu heiß vor der Hauswand (bei zu wenig gießfreudiger Besitzerin ...). Jetzt habe ich sie hinters Haus gesetzt, vor einigen Wochen komplett zurück geschnitten und viele grüne Blätter zeigt sie inzwischen und Knospen ... und Blattläuse. Früher versetzte mich das in Panik, heute sehe ich die Marienkäferlarfen, die ja auch was zu Futtern haben wollen ...

 

Dieser hübsche Lampion hängt unter der Pergola über dem Tisch und erfreut mich sehr. Ein Geschenk einer Leserin. :-) Die sich jetzt freut, wenn sie das liest. :-)

 

Diese kleinen Gartenelfen waren einst Deko in meiner Coachingwerkstatt. Bei einer Aufräumaktion habe ich sie gefunden und jetzt erfreuen sie mich auf dem Gartentisch.

 

Die letzte Pfingstrose, vor weiterem Regen gerettet in einer Vase. Ihr Duft ist so unglaublich intensiv. Zwei Blüten standen in meinem Büro und bedufteten den ganzen Raum. Herrlich.

 

An den Stengeln in der Vase perlt Luft. Drin stehen prächtige Fruchtstände von verblühten Tulpen (leider kein Foto gemacht), Pflingstrosen, Alium, Iris und Funkienblätter.

 

Die Hängemattenzeit hat auch wieder begonnen. Herrlich so geschaukelt und getragen zu werden. Hier ein Bericht über mein Hängemattengefühl, welches sich immer wieder einstellt und nicht abnutzt. :-)

Mein Gartenrundgang endet an meinem Schreibtisch, wo ich gerade sitze und diesen Blogeintrag tippe. Vor mir steht dieser kleine Strauß, den ich mir aus dem Garten mitbrachte. Gertrude Jekyll, die fast so gut riecht wie Pfingstrosen, eine grüne Frauenmantelblüte, Lavendel und eine der weißen Rosenblüten vom Rosenbogen, die merkwürdig gelb ist. (Aus dem Foto habe ich eine neue E-Card gemacht.)

Wenn etwas in meinem Garten blüht und grünt, habe ich Freude daran, es mir ins Haus zu holen. Wie dieses kleine Sträußchen, das mir jetzt diese Woche Freude bereiten wird.

Ich glaube wir alle haben so etwas in unserem Leben, das uns gut tut und bei näherem Hinsehen noch schöner wird.

Einen grünen Tag aus Köln - lassen Sie es sich gut gehen

Anja Kolberg

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Freitag, 27 Mai, 2016

Bitte schütze mich vor meinen Erwartungen.
Idealbild und Realität

Ich habe welche. Erwartungen. An mich selbst. Wie ich sein sollte, damit ich gut bin, brav, geliebt, geschätzt, ein wertvoller Bestandteil dieser Gesellschaft. Ich trage ein Bild von mir in mir, wie ich aussehen sollte, charakterlich sein soll, mich verhalten sollte, was ich leisten sollte ...

Ein Problem tritt auf, wenn ich spüre: Ich entspreche diesem Bild nicht (mehr). Weil ich dicker bin, unbeweglicher, mich nicht so nett verhalte wie ich es von mir erwarte, nicht mehr so bin wie ich früher einmal war, nicht die Leistung bringe, die ich von mir erwarte, nicht so gesund bin wie andere, empfindsamer als andere, nicht beruflich so erfolgreich, keine Kinder bekomme, andere Ansichten habe ...

Also wenn Wunsch und Realität aufeinanderprallen und gar nicht zusammen passen. Dann gibt es einen inneren Kampf. Anstrengend ist das. Der Kampf zwischen dem Idealbild und der erschreckenden Tatsache der Realität. Der Vergleich. Der Druck, dem Idealbild genügen zu müssen, sonst bedroht mich etwas.

Was mich bedroht, ist die Angst, nicht mehr geliebt zu werden, weil - nun folgen veraltete Glaubenssätze - ich nur geliebt werde oder ok bin, wenn ich einem bestimmten Bild oder Muster entspreche. Und wenn ich dem Bild nicht mehr entspreche, kriecht die Panik in mir hoch, dass ich jetzt ins Fettnäpfchen getreten bin, nicht mehr 'dazu' gehöre, nicht mehr geschätzt und geliebt bin ... Die Liste lässt sich lange fortführen. Ich fühle mich mies.

Wie entsteht denn so ein inneres Bild, die Erwartung an uns selbst? Sie entstehen durch Vorbilder, durch Familie, durch Schule, durch Arbeitsstellen, durch andere Menschen mit denen ich Kontakt habe, durch Medien, im Grunde durch alles, was ich wahrnehme ... Wir erkennen: Wenn ich mich so oder so verhalte, dann bekomme ich gutes Feedback, gute Noten, heutzutage wohl Klicks oder Likes in sozialen Netzwerken. Dann werde ich geliebt. Und wollen wir das nicht: Geliebt werden? Also merken wir uns das und entwickeln ein Idealbild von uns wie wir gut mit uns und unserer Umwelt klar kommen.

Oder ein Kind wird geliebt und gut benotet, wenn es sich so verhält, dass Eltern oder auch Lehrer damit selbst gut umgehen können. Entspricht es nicht diesem Verhaltensmuster und kann das Umfeld damit nicht umgehen (also das Kind so annehmen wie es ist), drohen Sanktionen. Also lernt das Kind: Entspreche diesen Anforderungen - dann bist du ok. Wenn nicht, gibt es Stress, Liebesentzug, schlechte Noten ...

Dieses Bild, diese Gedanken trägt das Kind auch noch als Erwachsener in sich - in Form von Erwartungen, die wir an uns selbst stellen, in Form von Idealbildern.

Natürlich spielt dabei die individuelle innere psychische Stabilität und der Charakter eine Rolle, dem einen sind diese Erwartungen egal, sie ziehen ihr Ding durch, sind innerlich so stark, dass ihnen Gegenwind nichts ausmacht. Dazu gehöre ich leider nicht. Ich gehöre zu den Menschen, denen es innerlich Stress machte und macht, wenn ich erkannte und erkenne: Ich entspreche diesem Bild nicht bzw. nicht mehr und eventuell zusätzlich: Anderen geht es damit nicht gut, dass ich so bin. Dann kann es sein, dass ich in altes Verhalten flüchte und befürchte: Also bin ich nicht ok, also werde ich nicht geliebt. Für Kinder ist das existenziell. Als Erwachsener bin ich handlungsfähiger.

Ausweg aus dem inneren Stress und Chaos? Hm. Das geht bei mir nicht mit einem Fingerschnipp. Veränderung jahre- oder jahrezehntelang mit uns getragener Muster braucht Zeit. Das ist meine Erfahrung. Was mir hilft, ist überhaupt erstmal zu merken: Warum fühle ich mich gerade so gestresst, warum fühle ich mich wertlos ...? Und das zu erkennen lockert mich schon mal ein wenig auf, weil ich mich selbst verstehe.

Schmerzvolles Erkennen. Ich hatte das in der Woche vor Pfingsten. Ich lag mit einem Magen-Darm-Infekt im Bett, fühlte mich so elend. Mein Körper hatte die letzten Wochen scheinbar immer 'hier' geschrien, wenn eine Krankheit vorüberflog. Erst eine leichte Grippe, die mich eine Woche ausknockte, dann Heuschnupfen, der mich nachts nicht schlafen lies und auch nicht mehr in meinem geliebten Garten, dann der Magen-Darm-Infekt. Alles so intensiv und belastend, dass ich keinen Bock mehr hatte. Es müsste doch mal endlich besser werden. Ich habe das Gefühl, die letzten Jahre kämpfe ich nur noch mit irgendwelchen Beeinträchtigungen meiner Gesundheit. Ich will endlich gesund sein und fit und "am Leben teilnehmen wie früher".

Zu spüren: Ich entspreche nicht mehr dem Bild der jungen, fitten, immer gesunden und aktiven Anja von früher, die gerne unterwegs ist, gerne feiert (dem Bild entspreche ich ja schon lange nicht mehr) oder etwas organisiert, die viel leistet so "wie sich das gehört" - mit einem Job von 8 bis 5 und geregeltem Einkommen. Das bin ich nicht (mehr). Und auch einem anderem typischen Bild entspreche ich nicht: Ich habe keine Kinder und statt dessen auch keine Karriere gemacht (zumindest nach meinen Maßstäben). Der gesamte Unterschied auf einmal wahrgenommen war heftig. Mir wurde bewusst was mir Stress machte: Ich bin nicht mehr die Anja von vor 20 Jahren. Ich entspreche nicht mehr meinen Erwartungen, erst Recht nicht einem Idealbild, das ich mit mir herum trage. Die Erkenntnis hat so weh getan. Ich fühlte mich wertlos, weil ich diesem Bild, das für Wert, für Liebe, für Anerkennung, für Dazugehören stand, nicht mehr entsprach. Weil ich nicht den Beitrag zum Leben leiste, den ich von mir erwarte. Puh, das war heftig. Gut, dass zu dem Zeitpunkt eine meiner besten Freundinnen anrief, mir zuhörte, mich ablenkte und aufmunterte. Das hat gut getan. Danach habe ich eine Runde heftigst geweint, fühlte mich erleichtert und bin dann eingeschlafen.

Ist es nicht das, was uns alle erwartet, wenn wir älter werden? Wir sind nicht mehr die, die wir mal waren. Die Haut ist nicht mehr so straff wie mit 30 Jahren. Die Haare grau und sie fallen nicht mehr so gut wie früher. Die Nerven sind dünner geworden. Wir sind nicht mehr so aktiv, nicht mehr so lustig, nicht mehr so fröhlich und unbeschwert. Der Körper ist nicht mehr so belastbar und steckt fehlenden Schlaf weniger weg. (Ganz klar: Es gibt viele Menschen, die diese Probleme nicht haben, ich gehöre jedoch zu den Menschen, die das haben.) Ist es das, womit auch meine Großmutter seit Jahren zu kämpfen hat, wenn sie sagt, dass sie schlechter sehen kann, schlechter greifen oder keine Gartenarbeit mehr machen kann? Ist es das, was mich auch mit fortschreitendem Alter erwartet? Klar kommen damit, dass ich etwas nicht mehr machen kann, dass ich einst liebte? Etwas nicht mehr entspreche, das ich einst war? Wäre es dann nicht klug, mich frühzeitig damit zu arrangieren, dass nichts so bleibt und sich das Leben ändert?

Wie will ich damit umgehen? Kämpfen, um dem alten Bild in jedem Falle weiter zu entsprechen? So tun, als ob alles wie früher ist? Bei beidem schüttelt es mich gewaltig.

Aber tat ich denn bisher nicht genau das? Nicht wahrhaben wollen, dass ich eben meinen Idealbildern von mir und meinem Leben, meinen Erwartungen an mich, nicht mehr entspreche. Den inneren Stress irgendwie aushalten und die Angst, nicht mehr geschätzt und geliebt zu sein, wenn mir die Kluft zwischen Ideal und Realität bewusst wird. Sondern ich mich anstrenge, dem Bild möglichst wieder zu entsprechen und es doch desillusioniert nicht zu schaffen. Puh! Die Traurigkeit unterdrücken und auch die Trauer, um das, was ich nicht mehr ist. Was ich in jungen Jahren, als ich fitter war, nicht wagte und vielleicht jetzt nicht mehr geht.

Das Leben wandelt sich. Ich habe mich gewandelt. Mein Körper, mein Geist, meine Seele, mein Umfeld, mein Leben. Meine Erfahrungen haben mich verändert und Spuren hinterlassen. Aber das alte Bild von mir wie ich sein sollte, die Erwartungen die ich an mich stelle, die sind noch die alten. Und es ist Zeit, hier aufzuräumen. So kann es nicht weiter gehen. Ich bin nicht mehr die Anja mit den Adleraugen. Nein, bei uns im Haus gibt es seit letztem Herbst auf jeder Etage mindestens eine Lesebrille. Mein Körper verändert sich, meine Psyche. Aber solange ich das innere Bild nicht anpasse, habe ich Stress, solange nehme ich mich nicht an wie ich wirklich bin.

Also heißt die Aufgabe: Mich lieben und annehmen wie ich bin. Das, was wir Kinder früher gebraucht hätten, wenn wir der Norm nicht entsprachen: Geliebt werden, gleich wie wir sind. Keinen Ärger bekommen, auch wenn wir widersprechen, unbequem sind, nicht funktionieren, sondern unseren inneren Impulsen folgen. Genau das ist heute meine Aufgabe: Mich bedingungslos lieben. Keine leichte. Aber eine sehr sehr wichtige und existenziell notwendige, um gesund zu leben.

Wie könnte mein inneres Bild denn aussehen? Sollte ich es ganz wegputzen? Geht das? Muss ich mir jedes einzelne Bild anschauen, wie ich denke (dachte), sein zu müssen und es überprüfen?

Überprüfende Fragen, die alte Idealbilder durchleuchten:

Bin ich nur eine "richtige Frau", bin ich nur dann wertvoll und gehöre dazu, wenn ich Kinder bekommen und großgezogen habe? Das unabhängig davon, ob ich keine Kinder bekommen wollte, nicht bekomme konnte oder nicht bekommen habe, ohne dass ein Grund bekannt ist. Vielleicht weil ich unentschlossen war, weil ich noch warten wollte, weil der Himmel oder der Körper nicht genickt haben, weil xyz ....

Bin ich nur dann ein anerkannter Teil der Gesellschaft, wenn ich einen bestimmten Betrag verdiene, wenn ich einen bestimmten Teil zum Haushaltsbudget beitragen kann, den ich von mir erwarte, wenn ich jedes Jahr einen Urlaub oder zwei machen kann, wenn ich mich ehrenamtlich engagiere, wenn ich genügend Steuern zahle, mit anderen mithalten kann und völlig unabhängig und autark von anderen leben kann? Bin ich nur dann wertvoll, wenn ich etwas leisten kann - und was ist wenn ich krank bin, wenn ich will, es aber nicht schaffe, sei es körperlich oder psychisch oder ohne erkennbaren Grund?

Bin ich nur dann ok, wenn ich immer nett zu anderen bin, freundlich, fair, wertschätzend kommuniziere, zuhöre, verständnisvoll und mitfühlend bin? Was ist wenn ich frech bin, mal nur an mich denke und keine Rücksicht nehme, eine andere Meinung habe, laut werde, beleidigend, wütend, keine Lust habe anderen Erwartungen zu entsprechen oder gar meinen eigenen?

Bin ich nur dann eine Frau, wenn ich schöne lange Haare habe, einen üppigen Busen, tolle Kurven, schlanke glatte unbehaarte Beine, hohe Schuhe trage und faltenfrei oder zumindest attraktiv und ansehnlich bin? Und was ist, wenn ich mich in bequemen Klamotten am wohlsten fühle, wenn es mir egal ist, ob ich dem neusten Trend entspreche und am liebsten kurze Haare trage oder mir völlig egal ist, wie ich aussehe?

Bin ich nur dann eine gute Selbständige, wenn ich immer etwas neues biete, Leistung bringe, Geld verdiene, meine Altersvorsorge ausreichend bedienen kann, eine gute Auftragslage habe und stets weiß wie es weiter geht? Und was ist, wenn Durststrecken kommen, wenn ich Pläne habe, sie aber nicht umsetzen kann, wenn ich nicht weiß, was ich will, wenn ich nicht vorwärts komme, sondern irgendwie festhänge und auf eine hohe Wand statt auf Wege und Möglichkeiten schaue?

Bin ich nur dann eine gute Angestellte, wenn ich den Anforderungen eines Arbeitgebers entspreche, wenn ich alles zur Kundenzufriedenheit erfülle, wenn ich eine tolle Kollegin und Teamplayerin bin? Und was, wenn ich das nicht mehr kann und nicht mehr will, wenn es mir die Luft zum Atmen abschneidet?

Eigentlich gibt es nur einem, dem ich entsprechen muss: Mir selbst. Und ich selbst bin ein Individuum, das sich ändert. Beständig. Mein Körper altert und verjüngt sich. Meine Zellen ändern sich. Meine Einstellungen wandeln sich. Ich mache Erfahrungen und verändere mein Verhalten. Erlebnisse hinterlassen Spuren und Narben. Was mir gestern nichts ausmachte, ist mir heute längst nicht mehr egal. Ich bin nicht mehr bereit, bestimmte Dinge zu tun, die für andere ok sind oder für mich mal ok waren.

Es ist an der Zeit, mich anzunehmen mit all den Veränderungen, die da in mir sind. Meine grauen Haare machen mir noch am wenigsten aus. Die Dellen an den Oberschenkeln schon mehr. Meinen Körperumfang ist je nach Stimmung und Tagesform ok oder gar nicht ok für mich. In bestimmter Gesellschaft, wo ich mich Blicken und Wertung ausgesetzt fühle, ist es schwerer als wenn ich mit "meinen Menschen" zusammen bin oder ganz alleine. Wenn ich ganz alleine bin und mit etwas schönem beschäftigt, dann bin ich ok. Meistens jedenfalls. Sobald ich in Dialog oder Vergleich mit anderen gehe, dann wird es schwer für mich. Ich wünschte, davon wäre ich unberührt, aber so ist es noch nicht. Doch ich habe den Wunsch, dass ich unabhängig - von den Erwartungen anderer und einem überholten Idealbild in mir - glücklich und zufrieden leben kann.

Mir fällt noch etwas ein: Führe ich nur dann eine gute Ehe, wenn ich immer wieder mit meinem Partner auf einen Nenner komme, wenn wir zusammen an einem Strang ziehen, wenn wir uns gegenseitig unterstützen, wenn wir uns körperlich immer noch anziehend finden wie im ersten Jahr? Und was ist, wenn das nicht der Fall ist, wenn mir der Partner auf den Keks geht und seine Ansichten (und umgekehrt), wenn der eine sein Ding macht ohne auf den Partner Rücksicht zu nehmen? Was dann?

Geht es nicht darum, seine eigene und heute stimmige Definition von Zufriedenheit und Glück zu finden, auch in der Partnerschaft? Zum Beispiel: Der Druck, der von Medien ausgeübt wird, zu Umfragen über das Sexualverhalten von langjährigen Paaren, dessen Fragen sowieso nicht wahrheitsgemäß beantwortet werden. Wer gibt schon so etwas zu - ehrlich? Das Problem ist doch: Wer seine Beziehung damit vergleicht und feststellt: "Oh, dem entsprechen wir nicht.", der zweifelt vielleicht an seiner Beziehung, wird unglücklich und ein Schiff bekommt Schieflage, das gar nicht hätte sein müssen.

Beziehung, Ehe, Partnerschaft ist eben so, wie sie ist. Und wenn zwei damit einverstanden sind, ist es doch ok. Und wenn nicht, kann man drüber sprechen. Vielleicht lässt sich etwas ändern, vielleicht nicht. Und vielleicht lässt sich dennoch Frieden schließen mit der Situation in der Partnerschaft so wie sie ist, auch wenn oder gerade weil sie nicht dem gesellschaftlichen Ideal entspricht und auch nicht dem eigenen idealen Bild. Vielleicht gewinnt man dennoch etwas aus der Partnerschaft, für das es sich lohnt, zusammen zu bleiben. Ich glaube nicht, dass es in der nächsten Partnerschaft nach der gleichen Zeit auch noch unbeschwert wie zu Beginn ist. Zu jeder Beziehung gehört Arbeit. Sicher gibt es Ausnahmen wie auch bei Menschen, die immer Glück haben, denen scheinbar alles gelingt. Ich erlebe das (leider) nicht.

Ich glaube in der Partnerschaft geht es darum, den anderen so zu lieben oder lernen zu lieben wie er ist. So wie ich mir das schon als Kind gewünscht hätte. Das ist eine Herausforderung. Denn Ehe, Partnerschaft ist nicht das, was uns in Filmen oder Romanen gezeigt wird, die meist dort enden, wo es am schönsten ist - beim Zusammenkommen, bei der Hochzeit. Ehe ist Arbeit, den anderen respektieren, seine Veränderungen seit dem Kennenlernen annehmen - als alles noch rosarot war und wir uns bemühten, dem anderen zu gefallen. Mit den Enttäuschungen klar kommen. Ja, vielleicht gehen und eigene Wege gehen oder innerhalb der Partnerschaft üben, das eigene Ich mehr zu stärken, innerhalb der Partnerschaft einen eigenen Weg gehen und trotzdem zusammen sein.

Von einer Person können wir uns nicht trennen, nicht davon laufen: Vor uns selbst. Wir bleiben ein Leben lang zusammen. Mit uns selbst klar kommen, mit unseren Veränderungen, mit Enttäuschungen über unsere eigenen nicht erfüllten Erwartungen oder die von anderen, das ist Herausforderung und Aufgabe zugleich.

Mich selbst so lieben und annehmen wie ich bin. Wie ich jetzt bin. Nicht wie ich gerne hätte, dass ich bin oder wie ich mir erhoffe, dass andere mich dann mögen. Mich kennen lernen, wie ich jetzt bin, was ich bin und was nicht mehr. Was ich nicht mehr will, was ich nicht mehr kann, was ich nicht mehr möchte.

Von Erwartungen Abschied nehmen. Mich selbst neu kennen lernen wie einen Menschen, dem ich erstmals begegne. Mich schätzen, mir vertrauen lernen. Mich lieben - gleich wie ich bin oder weil ich bin wie ich bin. Das möchte ich üben. Jeden Tag aufs neue.

Ich bin nicht mehr die, die ich mit 20 war, auch nicht wie mit 30 oder 40. Ich entspreche vielen Erwartungen nicht oder nicht mehr, die an mich (unbewusst) gestellt werden und wurden. Auch nicht meinen eigenen Wünschen und Erwartungen. Ich brauche aber keine Angst mehr haben, nicht geliebt zu werden, wenn ich diesem Bild nicht (mehr) entspreche. Mir keinen Stress mehr machen, in tiefe Abgründe stürzen. Weil ich nah bei mir bin und mich liebe - weil ich bin und wie ich bin. Endlich nicht mehr einem gekünstelten Bild entspreche. Sondern mir selbst. Heute.

Und das macht mich frei. Unabhängig. Authentisch ich selbst sein.

Ich hoffe, diesen Text lese ich mir durch, wenn es mir gerade schlecht geht, weil ich entdecke: Ich bin nicht die, die bestimmten Erwartungen entspricht, die mir vermeintliche Sicherheit gaben oder geben könnten. Ich stehe mir selbst zur Seite und mag mich, auch wenn ich nicht zu bestimmten Gruppen dazu gehöre, auch wenn ich mal alleine da stehe. Ich bin bei mir. Es wird auf dieser Welt oder im Himmel immer eine Seele geben, die mich liebt. Und ich mich selbst. Besonders das letzte kann ich mir versprechen und immer wieder üben und darauf mit zunehmender Sicherheit vertrauen.

Danke für den Raum, meine Gedanken hier mit Ihnen und mit dir teilen zu können. Danke fürs Zuhören. Das war lang, aber es musste raus und hat mir geholfen, klarer zu sehen. Vielleicht kann ich ja jetzt besser mit meinen Augen sehen. ;o)

Ihre und deine

Anja Kolberg

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Montag, 23 Mai, 2016

Die Kunst, Störendes nicht wahrzunehmen

Das könnte ich gerne: Einfach nicht wahrnehmen, was mich stört. Nur in mein inneres System reinlassen, was ich mag und mir gut tut. Statt dessen nehme ich besonders, was ich nicht mag wie unter einem Vergrößerungsglas wahr: Störendes wird lauter, extremer, deutlicher, vermehrt sich. Meine Wahrnehmung wird immer feiner, schneller. Arg!

Es liegt wohl an der selektiven Wahrnehmung: Kaum beschäftige ich mich intensiver mit einem Thema, sehe ich dazu immer mehr. Ähnlich wie das bekannte Beispiel des bestimmten Autotyps, den man kaufen möchte, ist auf einmal die Welt voll davon. Oder nach der Renovierungsphase sah ich auf einmal handwerkliche Verarbeitungsfeinheiten bei Holz, die ich vorher nie wahrgenommen hatte, einfach weil mein Blick dafür geschult worden ist.

Nun handelt es sich aber nicht um etwas, das ich gerne haben möchte, sondern um etwas, das mich nervt. Ich wünschte, ich könnte es ausschalten. Geht aber nicht. Wie schaffen das andere Menschen?

Konkret geht es bei mir um Geräusche, die jemand macht, den ich nicht mag. Wie soll ich die ausblenden? Es würde ja schon reichen, wenn jemand, den ich mag, Geräusche macht, die mich nerven. Beides kombiniert - nervige Menschen und deren nervige Geräusche - macht die Sache noch heikler.

Gut, Menschen, die an einer stark befahrernen Bahnstrecke wohnen, hören irgendwann die vorbeirasenden lauten Züge nicht mehr, selbst wenn das Geschirr im Schrank klappert und sich Besucher wundern, wie das denn sein kann. Es ist zu einem Alltagsgeräusch geworden, das nicht mehr wahrgenommen wird. Kann mir das gelingen? Oder gelingt es nur, wenn ich emotionslos dem Geräusch gegenüberstehe wie es vielleicht bei den Menschen, die an der Bahn wohnen, der Fall ist?

Ich habe es schon mit Ablenkung versucht, mit Kopfhörern und lauter Musik. Ich will mich aber nicht immer ablenken müssen und schon gar nicht mit Kopfhörern rumlaufen.

Im Grunde geht es nicht darum, etwas wegzumachen. Ich kann es ja nicht ändern, die Menschen nicht ändern. Es geht auch nicht darum, wegzulaufen oder dem aus dem Weg zu gehen. Es geht darum, trotzdem, was nervt, gut weiter zu leben. Also bedeutet es: In mir selbst die Ruhe zu finden, dass ich innerlich Frieden empfinde, unabhängig davon, was außerhalb meines Selbst geschieht.

Eine Königsdisziplin der Meditation oder inneren Einstellung, so scheint mir. Ich möchte das gerne können. Bin auf dem Weg, der Wunsch ist ja schon mal da.

Es gibt Menschen, die können Störendes einfach ausblenden. Mein Mann zum Beispiel. Er kann es einfach. Und ich? Quäle mich rum. Kann das nicht so einfach. Vielleicht hängt die Schwierigkeit auch mit meiner Hochsensibilität zusammen. Einer der Kernpunkte davon ist ja, dass ich viel mehr wahrnehme, als ich überhaupt aufnehmen kann und mich das schnell überfordert. Hm. Viele gute Gründe, weiter darüber nachzudenken und irgendwann eine praktikable Lösung zu finden.

Einen schönen Tag aus der Denkzentrale

Anja Kolberg

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